Der charismatische und temperamentwolle Pianist, Komponist, Anangeur,
Bandleader und Hochschullehrer Milan Svoboda gilt bei vielen als der
wichtigste tschechische Jazzmusiker der letzten 30 ]ahre. Dank seiner
künstlerischen Kreativität, Vielseitigkeit und Konsequenz
wurde er auch zu einer zentralen und anerkannten Figur im mittel- und
osteuropäischen Jazz. Svoboda wurde am 10. Dezember 1951 in Prag
geboren, diese Stadt blieb immer seine künstlerische Heimat. Dort
studierte er zunächst am Konservatorium Orgel und an der
weltbekannten Karls-Universität Musik. Komposition studierte
Svoboda an der Akademie der musischen Künste in der tschechischen
Metropole. 1984 weilte er für 8 Monate am bekannten Berklee
College of Music in Boston. 1974 gründete Svoboda mit der Prague
Big Band sein erstes Jazzorchester, das er bis in die heutige Zeit
erfolqreich leitet. 1979 wurde er mit einem Quartett bekannt, in dem u.
a. der ungarische Saxophonist Tony Lakatos mitwirkte. Mitte der 1980er
]ahre initiierte er als Dirigent und Arrangeur eine
Tschechisch-Polnische Big Band, die mit spitzenmusikern aus beiden
Ländern besetzt war und die u. a. auf dem Ost-West-]azzfestival in
Nürnberg für Furore sorgte. Seit 1988 leitet Svoboda neben
der Prague Big Band noch das unkonventionell besetzte Contraband Jazz
Orchestra, das u. a. mit James Moody, Victor Mendoza und Tony Lakatos
auf verschiedenen Festivals in Europa erfolgreich auftrat.
Milan Svoboda schrieb die Musik für Musicals sowie Ballett-,
Theater- und Filmmusiken. Er ist Professor für Komposition und
Jazzharmonie am Prager Jaroslaw-Jezek-Konservatorium. Svoboda arbeitet
auch als Dirigent und künstlerischer Leiter des Rudolfinum Jazz
Orchesters Prag, das sich aus Mitgliedern der berühmten
Tschechischen Philharmonie und einheimischen Jazzsolisten
zusammensetzt. Aus Anlass seines 60. Geburtstages erhielt er auf der
Prager Burg aus den Händen des Präsidenten der Tschechischen
RepubIik, Vaclav Klaus, der ein bekennender Jazzfreund ist, die Goldene
Plakette. Und der renommierte Prager Jazzclub Reduta veranstaltete im
Dezember über drei Tage Konzerte, in denen Milan Svoboda seine
aktuellen Bands präsentieren konnte.
Milan
Svoboda, wie fanden Sie zum Jazz und welche Musiker beeindruckten Sie
anfangs am meisten?
ln meinem Elternhaus spielte die Musik eine sehr grosse Rolle. Das war
zunächst die klassische Musik, da meine Mutter
Musikwissenschaftlerin und pianistin und mein Vater Filmhistoriker und
Amateurgeiger waren. Sonntags wurde regelmässig musiziert, daran
beteiligten sich auch bekannte Musiker der Tschechischen Philharmonie.
Danach beeindruckten mich Rockmusik und die Beatles ganz stark. Aber
dann gab es noch meinen Cousin Jiri Stivin, der mich als Jazzmusiker
bereits in den 1960er Jahren mit dem modernen Jazz vertraut machte.
Auch konnte ich in dieser Zeit viele amerikanische Stars wie Louis
Armstrong, Ella Fitzgerald oder das Modern Jazz Quartet auf Festivals
und bei Konzerten in Prag erleben. Auch unsere einheimischen
Jazzmusiker wie Karel Velebny, Ludek Hulan und Karel Ruzicka sen.
beeindruckten mich damals sehr.
Wie begann
Ihre Karriere?
Das war in den 1970er Jahren als der Jazzrock populär war. Musiker
und publikum schwärmten für Hancock, Corea, Zawinul und
natürlich besonders für Miles Davis. Uns in Prag faszinierte
das Neue an dieser Musik, vor allem die Freiheit im Spiel und Ausdruck.
Die Verschmelzung von Rock und Jazz praktizierten wir im Spiel der
damaligen Prague Big Band, unser Hit war Joe Zawinuls ,,Mercy, mercy,
mercy". Zum anderen waren wir stark bemüht, eine spezifisch eigene
Musik zu realisieren.
Ich erlebte
Sie stets als einen sehr kommunikativen Menschen, der den Kontakt zum
Publikum und die Zusammenarbeit
mit den Musikern sucht. Wie wichtig ist Ihnen diese Eigenschaft?
Die Musik stellt für mich in erster Linie eine kommunikative
Angelegenheit dar. Deshalb fördere ich auch die Kommunikation
unter den Musikern, die ich als Persönlichkeiten mit eigenen
Offenbarungsmöglichkeiten betrachte. Wichtig ist für mich
dabei auch der Humor, man sollte an der Musik unbedingt Spass haben.
Musik kann sowohl lustig als auch anspruchsvoll sein.
Wie
gestaltet sich in der heutigen Zeit lhr künstlerischer Alltag als
Jazzmusiker mit so ganz unterschiedlichen Projekten?
ln der Folge meiner breiten und qualifizierten Ausbildung konnte ich
mir ganz unterschiedliche Musizierformen aufbauen. Mich lehrte das
Leben vielseitig zu sein. So habe ich ein Programm als Solo-Pianist,
leite einige Kleinbesetzungen sowie mehrere Big Bands. Als Pianist habe
ich mit dem Moravian Philharmonic Orchestra die CD ,,Hommage Aux
Beatles" eingespielt. Das Quartett sowie die Prague Big Band und das
Contraband Jazz Orchestra sind auch im Ausland bekannt geworden.
Während in der Prague Big Band zunächst gestandene
Jazzmusiker mitwirkten, spielte in der Contraband eine neue Generation
von jungen Musikern, die an einer neuen Big-Band-Konzeption mitarbeiten
wollten. lm Stil der Contraband vereinen sich Elemente des Modern Jazz,
Swing, Rock, der Brass Band und viel Humor.
Da es in Prag mehrere Jazzclubs gibt, die fast täglich
Jazzprogramme haben, kann ich dort vier- bis fünfmal im Monat
auftreten. Dazu kommen dann noch Termine in anderen Orten Tschechiens
sowie die Gastspiele im Ausland. Dabei stehen Konzerte in Deutschland,
vor allem in Süddeutschland und im Jazzkeller Frankfurt
häufig auf dem Terminplan. So kann ich von meiner Musik
anständig leben. Auch bin ich glücklich darüber, weil
ich die Musik machen kann, die ich will.
Text und Fotos: Peter Wende
Jazz Podium 2/2012
CDs
Milan Svoboda Quartet ,,Moment's Notice - Live At The Jazz Dock", (rec.
2010), Double MS
Contraband Jazz Orchestra ,,Contraband Goes To Town", (rec. 2002), PJ
Music
Prague Big Band ,,Good News - The Best Of Prague Big Band", (rec.
2008), Cube-Metier
Prague Big Band,,Sunday Session", (rec. 2009), Double MS
Rudolfinum Jazz Orchestra ,,Homage To Jaroslaw Jezek", (rec. 2007),
Cube-Metier
Milan Svoboda & Moravian Philharmonic ,,Hommage Aux Beatles",
(2009), Double MS