Reviews:
MILAN SVOBODA QUARTET
Beim Milan Svoboda-Quartett brannte am
vergangenen Sonntag die Luft im Chamer Langhaussaal
Mit Superlativen wie "Weltklasse" sollte man sehr sparsam umgehen bei
Konzert-Ankündigungen. Auf das erste Chamer Rathauskonzert 2011 am
vergangenen Sonntagabend mit dem Milan Svoboda-Jazzquartett aus Prag
dürfte dieses hochgegriffene Prädikat aber den Nagel wirklich
auf den Kopf getroffen haben. Dafür spricht auch, dass der
Langhaussaal bis auf wenige Plätze mit Jazzfreunden aller
möglichen Präferenzen gut gefüllt war. Natürlich
gibt Chams "noble Kulturstube" nicht die Jazzclub-Atmosphäre her,
die manche Besucher bevorzugt mit dem speziellen
Blue-Note-Lebensgefühl verbinden, doch dürften auch diese
durch ein Konzerterlebnis der Sonderklasse mehr als zufriedengestellt
worden sein.
Auf dem Podium vier Koryphäen aus dem Nachbarland: Die beiden
legendären Jazz-Professoren, Bigband-Leiter, Komponisten,
Arrangeure, aktive Ausnahmemusiker usw. usw. - Milan Svoboda/Piano und
Ivan Audes/Drums. Dazu zwei weitere Schwergewichte der Prager/Pilsner
Szene, Milan Krajic, Tenor- und Sopransaxophon, und der E-Bassist Filip
Spaleny, die wie Svoboda und Audes auch international großes
Renommee genießen. Jeder der Vier hat ein fundiertes klassisches
Musikstudium absolviert, was sich natürlich in ihrem universellen
Musikverständnis, insbesondere für den Jazz und in ihren
virtuosen Fähigkeiten als Solist und Partner niederschlägt.
Eher etwas konventioneller eingestellte Zuhörer legten beim
Vorstellungsstück "Next Day" (wie fast alle Nummern von Svoboda
selbst komponiert) wohl ein wenig die Ohren an, da sich zunächst
das überaus druckvolle Spiel in "gehobener Lautstärke"
zeigte. Was sich dann allerdings recht schnell relativierte und, je
nach dem Charakter der Stücke, sich mehr und mehr differenziert
darstellte. Abgesehen vom Pegel war aber bereits hier klar: Man hat es
beim "Milan Svoboda-Quartett" mit einer Ausnahmeformation zu tun, die
in ihrem unglaublichen Stilmix nie den klassischen Swing vergessen -
als Basis allen Geschehens und immer wieder als Rückzugsterrain.
Ein Groove, der die unterschiedlichen Geschmäcker der Jazzfreunde
im Saal wohl gleichermaßen bediente. Da brannte also die Luft
gleich zu Beginn und das Feuer sollte zwei Stunden lang anhalten.
Ob Fusion, harscher Modern Jazz, ob gefühlvolle Balladen oder
Mainstream, da war eine unglaubliche Melodik im Spiel. Nicht nur bei
denen, wo das als "Pflichtleistung" erwartet wird - dem Pianisten und
dem Saxophonisten. Auch der "singende" Bass und Audes variantenreiches
Schlagzeug lieferten weitaus mehr als nur den bloßen
Rhythmus-Groove. Dazu eine Dynamik, die jedes Stück zu einem
Mikrokosmos voller Überraschungen werden ließ.
Ein Quartett aus so phantastischen Einzelkönnern lebt einerseits
von deren solistischer Virtuosität, auf die hier noch einzugehen
ist. Andererseits ist es aber auch die Geschlossenheit, die über
den Tag hinaus in Erinnerung bleibt. Für diese interne Harmonie
sorgen schon einmal die "sophisticated arrangements" Milan Svobodas,
die er höchstselbst am Klavier mit durchdachtem Akkordspiel
unterlegt und zusammenhält. Da scheint in jedem Augenblick die
Erfahrung aus jahrzehntelanger Bigband- und Combozeit durch, wenn er
sein Piano wie einen Pailletten-bestickten Mantel um seine Mitspieler
legt, mit vollen Händen zugreift und die Impros, insbesondere die
von Milan Krajic, uneigennützig mitträgt, stützt oder
ihnen zu zusätzlicher Wirkung verhilft.
Gerade die geglückte Gratwanderung zwischen Teamspiel und
solistischem Eigeninteresse ist es, was den Erfolg einer Combo dieser
Spitzenklasse ausmacht. Das beherzigen die Vier in beinahe "blindem"
Einverständnis. Sicher - ab und zu wäre in Ivan Audes
feinnervigem Schlagzeug ein bisschen weniger vielleicht mehr gewesen,
zumindest bei den rasanteren Nummern zu Beginn. Kann aber durchaus
sein, dass nur die etwas konservativeren Zuhörer das so empfanden.
Aber auch diese schwenkten bald auf die Linie seines rastlosen, doch
nie hektischen Spiels ein - spätestens dann, als die interne
Rollenverteilung und Gewichtung definiert war und man feststellte: Das
passt ja alles wunderbar zusammen.
Wirklich gute Schlagzeuger spielen mit sechs Komponenten: mit zwei
Händen, zwei Füßen, Kopf und Herz. Die so brillant zu
synchronisieren, dass zeitgleich zwei, drei vermeintlich konträre
Rhythmen dabei entstehen - die aber nicht zu einem Pattern-Brei
verschmelzen, sondern in sich und sogar als Ganzes absolut stimmig sind
- das ist schon erste Sahne. Wenn Audes beispielsweise im Jazzwalzer
"Conversation" den eigentlichen Dreivierteltakt in alle denkbaren
Bestandteile zerlegt und dann als Samba wieder zusammensetzt, dann
wieder "den Walzer swingt" hinter dem überschäumend perlenden
Piano, ist das schlicht ebenso sensationell wie seine fulminanten Soli,
die er mit Besen, Sticks, Hotrods oder sogar mit den blanken
Händen von der Bühne fegen lässt.
Um bei dieser Nummer zu bleiben und bei Filip Spaleny, dem Bassisten:
Er übernimmt verzugslos vom Klavier das Thema, glänzt mit
regelrechten Koloraturen auf seinem 5-Saiter. Spaleny improvisiert
gerne in den oberen Lagen, "singt" mehr wie mit Afrikas Stimme, als
dass er ihn ausschließlich in den tiefen Tönen grooven
lässt. Wie Audes explodiert er dann förmlich vor
überbordender Spiellaune, agiert brillant und ungemein
melodiös wie Svoboda auf dem Piano. Und das nicht nur einmal am
Abend, sondern immer wieder einmal. Dazwischen kommt er seiner
"Basisarbeit" als Teamworker mit bestechender Musikalität nach.
Ein Traum von einem E-Bassisten!
Genausowenig wie bei seinen drei Kollegen lässt sich die
Variationsbreite Milan Krajics an nur ein oder zwei Nummern festmachen.
Er hat ganz einfach alle Farben zur Verfügung, die sein Tenorsax
und die "feine Lady Soprano" überhaupt hergeben. In der
Melancholie-getränkten Ballade "Autumn" lässt er das Publikum
sanft dahinträumen. In der mitreißend heißen Samba
"Fuddle" (heißt etwa "beschwipst", oder wie wir Bayern sagen
würden, "mit einem Räuscherl") peitscht er es mit kernigen
Tönen hoch. Atemberaubend schnell ist er da, flexibel sowieso und
hart am Thema.
Um hier noch eines aus der aufregenden Vielfalt an Stücken
herauszugreifen: Von der Bühne des Langhaussaales hat man nicht
leicht jemals einen Tango in solch verzwickter Version vernommen wie
bei "The Sign of Secretary": Svoboda bringt mit wilden
Tastentänzen den Steinway zum Schmelzen, Audes deutet eher
hinterkünftig an, als dass er Klartext spielt, Sax und Bass geben
das Tango-Fuego-Tanzpaar voller Leidenschaft. Und auf alle Viere
wäre man stolz - von Finnland bis Argentinien, von Prag bis Cham.
Johann Reitmeier
Chamer Zeitung 2011